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Mutterseelenallein- Mutterschaft und Einsamkeit

Ich habe noch nicht recherchiert, wie das Wort „mutterseelenallein“ sich etabliert hat. Doch ich kenne die Bedeutung dieses Wortes für die tägliche Lebenswelt einer Mutter nur zu gut.

 

Zweimal habe ich selbst in den ersten 2-3 Jahren, nachdem ich ein Kind geboren habe, Einsamkeit zu erfahren. Bis heute begegne ich jeden Morgen im Kindergarten Müttern, deren Augen das selbe sagen.

 

Wie geschieht das? Wie kann es dazu kommen, dass ein neuer Mensch auf diese Welt kommt, und dafür ein anderer sich mehr allein fühlt? Und vor allem – was können wir dagegen tun?

 

Einsamkeit ist meines Erachtens nach eine der Hauptursachen für Erschöpfung, Resignation und fehlender Resilienz bei Müttern. 

Wir leben in einer Gesellschaft der Vereinzelung, der Ungleichheit, schlechter Arbeitsverhältnisse und anonymer Beziehungen. Immer noch ist in weiten Teilen an der Tagesordnung, dass die Männer zur Arbeit gehen und bis abends das Haus verlassen, während Frauen in den ersten ca drei Jahren bei ihrem Kind bleiben. In dieser Zeit tun viele, um die es in diesem Text geht, vor allem eins: Warten. Sie warten darauf, dass das Kind keine Windeln mehr benötigt, dass es alleine essen kann, laufen, schaukeln, sich die Schuhe bindet, dass sie wieder allein ausgehen können, dass der Mann nach Hause kommt, dass jemand zu Besuch kommt. Die Mutter verrichtet all ihre sorgenden Tätigkeiten und kümmert sich, sie steht nachts auf, begleitet das Kind in jedem Entwicklungsschritt, passt sich an den Essensplan an, sie essen allein, jeden Tag eine halbe Stunde raus, das ist wichtig für die Gesundheit, sagt sie sich, sie spricht mit dem Kind im passenden sprachlichen Niveau und redet, redet den ganzen Tag und beantwortet Fragen – doch eigentlich schweigt sie. Es gibt kein Ohr für das, was sie wirklich zu sagen hat. Nicht wenige Frauen lächeln dabei, sehr, sehr oft und sehr viel und betonen auffällig vehement, wie glücklich sie das Mutterdasein macht. Es ist von größter Wichtigkeit, beinahe überlebenswichtig, sich vor allem selbst zu sagen, wie gesegnet man ist mit diesem neuen kleinen Menschen, den man so sehr liebt. 

So wird eine Zeit, die eigentlich mit allen Sinnen genossen werden möchte, zu einem Zustand, den die Mutter wie durch einen Grauschleier wahrnimmt. Sie ist äusserlich da und funktioniert, doch in ihrem Inneren ist das große Warten und bittet um Aufmerksamkeit. 

 

Warten und Sein – wie passt das zusammen? Richtig. Gar nicht. Diese Art des Wartens ist ein Hoffen auf bessere Zeiten, weil die hiesige schwer zu ertragen ist. Im Sein zu leben erfordert, dass das Sein erträglich ist. Mehr noch, dass es genießbar ist. Um gesund und aktiv, widerstandsfähig und selbstwirksam zu sein, um unser Leben in vollen Zügen zu spüren und genießen zu können, brauchen wir eine Lebenswirklichkeit, in der wir uns wirklich fühlen. Dafür ist es essentiell, dass unsere Grundbedürfnisse befriedigt werden. Eines davon ist das Bedürfnis nach Gemeinschaft. 

In unserer Gesellschaft bedeutet ein Kind zu bekommen faktisch in sehr vielen Fällen, die Folge der Einsamkeit mit einzubeziehen. Ja, es gibt viele Angebote sozialer Einrichtungen für Krabbelgruppen, Kaffeeklatsch, gemeinsamen Sport und vieles mehr. Doch wie sieht die Praxis aus? So ein Termin findet vielleicht einmal in der Woche statt. Natürlich kann ich mir als Mutter einen Wochenplan machen, um so viele Angebote wie möglich zu nutzen. Doch meistens drehen sich die Gespräche um die Kinder. Schläft es schon durch? Welche Windeln benutzt du? Mir geht’s super, die Kleine zahnt jetzt, ich freu mich so! Und schätze mal, wie lange braucht man, um mit einem Kleinkind das Haus zu verlassen, um an einem Treffen teilzunehmen, das in der Regel maximal 2 Stunden, eher weniger, dauert? 

Die Vorbereitungszeit dauert in der Regel ca 2 Stunden. Füttern, Snacks zubereiten und weitere Utensilien einpacken, anziehen, wieder ausziehen weil Pampers wechseln, einen Wutanfall aussitzen, einmal extra spielen, einen Satz extra Kleidung einpacken, den Kinderwagen aus dem Keller oder der Garage holen, eventuell zweimal die Treppen laufen, weil das Maxicosi mit dem Kind und die Wickeltasche zusammen einfach zu schwer sind..... Bis Mutti beim Treffen angekommen ist, ist sie so fertig, dass sie einfach wieder nach Hause möchte. Doch sie braucht Gemeinschaft – und unterhält sich dann wie in Trance über das Schreiverhalten ihres Schützlings, während sie gedankenverloren ihren Kaffee umrührt.

 

Einmal im Monat hat Mama Glück, ihre Freundin kommt zu Besuch. Die hat noch keine Kinder und nachmittags noch einige Termine. Daher hat sie genau drei Stunden Zeit. In diesen drei Stunden weint das Kind ca 10 mal, muss gefüttert werden und seinen Vormittagsschlaf machen – genau heute klappt das natürlich nicht besonders gut. 

Nachdem die Freundin gegangen ist, muss die Mutter plötzlich weinen. Sie dreht sich weg, damit das Kind die Tränen nicht sieht. Woher kommen die Bauchschmerzen, die sich gerade breit machen? Die Freundin war doch zu Besuch! Sollte sie nicht glücklich und dankbar sein und sich nun auf den kommenden Spielplatzbesuch freuen? Die Wahrheit ist: Mama und Freundin hatten in den drei Stunden vielleicht einmal drei Minuten, in denen sie ununterbrochen reden konnten. In dieser Zeit haben sie sich gegenseitig gefragt, wie es geht und wollten warm werden miteinander, denn sie führen komplett unterschiedliche Leben und haben sich seit sechs Wochen nicht gesehen. Gerade wollte es etwas vertrauter werden, da hören beide das dreissigste „Mama“ der letzten halben Stunde. Resigniert geben sie auf und Mama fragt die Freundin, ob sie noch einen Tee trinken möchte. So sind die beiden beieinander, doch die Mutter fühlt sich innerlich unendlich einsam und die Freundin denkt „sie hat sich so verändert durch das Mutter sein. Ich erkenne sie kaum wieder. Ob unsere Freundschaft das aushält?“

 

 

So vergehen drei Jahre. Irgendwann kommt das Kind in den Kindergarten. Vielleicht ist die Mutter dann wieder schwanger und das gleiche geht von vorne los – mit doppelter Belastung statt doppelter Freude. Vielleicht kommt dann ein Burnout hinzu und die dümmliche Frage von Bekannten, was sie denn so schwieriges arbeite, dass sie so überlastet sei. Oder die Mutter belässt es bei einem Kind und geht morgens wieder zur Arbeit. Ihr Job befriedigt sie nicht sonderlich, doch wenigstens kann sie sich über gänzlich andere Dinge unterhalten als über Kinder und Elternschaft. Ein bisschen aussen vor fühlt sie sich trotzdem. Für Sie ist die Arbeit die Freizeit der KollegInnen. Sie hat nach Feierabend nicht frei. Sie geht nach Hause, holt das Kind ab, kocht Essen, besucht den Spielplatz und wartet auf den Mann.

 

Aporopos Mann – es tut in vielen Fällen nichts zur Sache, ob da ein Mann ist, oder ob die Frau alleinerziehend ist. Wenn der Mann den ganzen Tag auf der Arbeit ist, ist der Alltag der Selbe. Die Einsamkeit bleibt. 

 

 

 

Die Beschwernis der Mutterschaft ist nicht die mit dem Kind verbundene Arbeit. Es ist die Einsamkeit. Die gesellschaftliche Struktur, unter der wir unsere Kinder groß ziehen, schafft Einsamkeit für Mütter. Die Möglichkeiten für Kontakt liegen ausserhalb der Wohnung, in der Wohnung lebt sie allein. 

Ein Kind bietet für einen erwachsenen Menschen nicht die Art Gemeinschaft, die ihn gesund hält. Wir brauchen Gegenüber auf Augenhöhe, Berührungen und Gespräche in denen wir aufgehen, wir brauchen Zuwendung, Nähe und Gemeinschaft, die Frage nach dem „wie geht es DIR“ und das Gefühl, dass wir ehrlich antworten können.

 

Viele Sorgen und Ängste zum Thema Mutterschaft gründen im Kern in dem Grundbedürfnis nach Gemeinschaft. Die Lösungen liegen genau darin: Indem das Bedürfnis nach Gemeinschaft befriedigt wird. Nicht nur für Mütter würde das eine unbezahlbare Erleichterung und neue Lebensfreude bringen, auch die Kinder profitieren davon in hohem Maße: Ein Kind, das unbewusst die Einsamkeit der Mutter spürt, ist damit belastet. Wir können für unsere Kinder nichts wichtigeres tun, als dafür zu sorgen, dass es uns selbst gut geht. Eltern, deren Grundbedürfnisse gestillt sind, können ihren Kindern eine gute Basis bieten, auf der diese nicht das unbewusste Gefühl entwickeln, für ihre Eltern Sorge tragen oder ihnen so wenig Arbeit wie möglich machen zu müssen.

 

 

Wir brauchen eine Umstrukturierung der Gesellschaft im Bereich Gemeinschaft. Davon profitieren wir alle. Wir schaffen damit eine Welt, in der Menschen die Angst vor dem Altern verlieren und andere wieder gerne Kinder bekommen, weil beides nicht mehr das Abgeschnitten sein vom sozialen Miteinander bedeutet.

 

Ich habe diese Zeiten der Einsamkeit durchlebt und mit vielen Frauen gesprochen, die das Gleiche durchmachen. Ebenso erlebe ich nun, wie es ist, von Menschen umgeben zu sein, die... nunja, vor allem erst einmal überhaupt von Menschen umgeben zu sein, Punkt. Ich lebe nicht mehr allein, sondern in einer Wohngemeinschaft. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, mit meinen Kindern im Schlepptau, ist fast immer jemand da. 

Meine FreundInnen besuchen mich regelmäßig. Wenn ich nicht raus kann, sind sie da. Ich kann nicht genug betonen, was es mit meiner seelischen Gesundheit gemacht hat, einen Freundeskreis zu haben, in dem Menschen entschieden sind, eine kinderfreundliche Gesellschaft mit zu gestalten. Kinder sind nicht mehr länger der schreiende Störfaktor. Wir bauen unsere Freundschaften mit den Kindern, nicht ausserhalb von ihnen. So bin ich Teil der Gesellschaft und nicht länger ausrangiert, bis „ich wieder frei bin für andere Dinge.“ Wenn ich Auftritte habe, übernehmen VeranstalerInnen die Kosten für Kinderbetreuung. Manche richten sogar die Veranstaltungen nach meinen Möglichkeiten. 

 

Ich möchte betonen, wie unaussprechlich wertvoll diese Zeichen der Solidarität sind. So viele Frauen möchten Kinder haben und Mutter sein, doch sie möchten gleichzeitig auch Frau, Freundin, Arbeitende, Selbstständige, Aktivistin, Feiernde, Liebhaberin... sein. Lasst uns eine Gesellschaft bauen, in der die Mütter Teil davon sind, völlig egal in welchem Stadium des Heranwachsens ihre Kinder sich befinden.

 

Dafür einige Tips für FreundInnen und LiebhhaberInnen von Müttern:

 

  • Meldet euch! Lasst eure Erwartung fallen, dass die Mutter sich melden soll (was sie wieder tun wird, sobald es möglich ist, GANZ SICHER!). Schreibt eine Nachricht, dass ihr an sie denkt. Fragt, ob ihr vorbei kommen und was ihr mitbringen könnt. Richtet euch nach dem Zeitplan der Mutter.

  • Wenn sie raus will, geht mit ihr raus. Packt mit an, tragt, was ihr tragen könnt. Und unterhaltet euch dabei mit ihr nicht über das Gewicht des Maxi Cosis, sondern über Sex, Umwelt, Arbeit, Politik, was auch immer sie interessiert. Verhaltet euch ihr gegenüber einfach normal, weil sie noch die Selbe ist wie vorher.

  • Kein Kommentar über ihr Aussehen oder ihren Müdigkeitszustand.

  • LiebhaberInnen: Wenn eine Mutter es geschafft hat, eine Stunde für euch Zeit raus zu schaufeln, lasst alles geschehen, was sie in dieser Zeit braucht. Sex oder schlafen, ein Spaziergang, eine Unterhaltung, was auch immer. Diese eine Stunde füllt den Akkuspeicher der kommenden Woche. Ihr tut maßgeblich etwas daran, wie es ihr in den kommenen Tagen geht. Ihr könnt Wunder vollbringen. Ich meins ernst. :-)

  • Und Väter: Werdet verdammt nochmal der Gleichberechtigung gerecht, völlig egal, ob ihr mit der Mutter eures Kindes zusammen seid oder nicht. Wenn die Einsamkeit dieser Frau unter anderem darauf beruht, dass du in alten, stereotypischen Rollenmustern agierst, stopp damit. Es ist 2019.
  • Setzt euch für eine kinderfreundliche Gesellschaft ein. Wenn eine Freundin sich ein Kind wünscht, aber aus Furcht vor Vereinsamung davor zurück schreckt, überlegt gemeinsam mit ihr, wie ein Leben aussehen sollte, in dem ein Kind willkommen ist, OHNE dass die Frau dadurch einsam wird.

 

 

Und noch ein Wort an die Mütter:

 

Es ist ein Trugschluss, dass man jeden Tag eine Runde um den immer gleichen Block laufen muss. Der Spielplatz, der euch so ankotzt, kann ausgelassen werden oder gemeinsam mit FreundInnen besucht werden. Ihr glaubt, sie wollen nicht auf den Spielplatz? Du willst vielleicht auch nicht auf den Spielplatz. Geht und unternehmt etwas, ohne auf den Spielplatz zu gehen. Sucht den Spielplatz für das Kind in euren Unternehmungen, nicht umgekehrt. 

Und teilt euren FreundInnen mit, was ihr braucht! Oft ist der Zustand der Einsamkeit durch eine Wechselwirkung bedingt: Ihr meldet euch nicht, weil ihr denkt, ihr seid in eurer jetzigen Lebenswelt nicht mehr interessant für eure FreundInnen, diese melden sich oft einfach deshalb nicht, weil sie euch nicht noch einen weiteren Termin aufhalsen wollen. Wenn sie gute FreundInnen sind, vermissen sie dich! Teile ihnen mit, dass du dich freuen würdest, sie zu sehen, und was du brauchst, um das Treffen genießen zu können. Öffne dich. Teile dich mit. Versuche es. Es ist dein eigenverantwortlicher Part, der dich aus der Einsamkeit befreit. Sprich über das, was dich wirklich bewegt. Sei nicht deine selbst erfüllende negative, sondern die positive Prophezeihung. Du bist gewollt, geliebt und gebraucht, wie du im Inneren bist, ob mit oder ohne Kind.