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Lasst die Kinder zu mir kommen

Lasst die Kinder zu mir kommen – ihnen gehört das Himmelreich

 

 

Ein neuer Tag. Ein Tag wie jeder andere. Es ist früh am Morgen und ich fühle mich benebelt. Beschwert. Langsam kehren die Erinnerungen an meine Träume zurück. Daher also das Gefühl der Beklemmung. Ich erinnere mich an Sequenzen, in denen Menschen aus unterschiedlichen Zeitabschnitten meines Lebens auftauchen. Kindergarten, Grundschule, Jugendzeit. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie taten freundlich und aufgeschlossen, doch eigentlich haben sie mich verlacht und sich einen Spaß aus mir gemacht. Ich war nicht selten die Lachnummer für eine ganze Gruppe.

 

Mein Gefühl dabei: Etwas an mir ist lächerlich. Ich bin nicht richtig.

 

Verletzungen dieser Art sitzen tief. Vielen Menschen ergeht es bis ins Erwachsenenalter so, sie werden den alten Schmerz einfach nicht los, er wird immer wieder angetriggert. 

Gerade in Momenten, in denen wir unser Herz für einen neuen Menschen öffnen oder uns zeigen wollen mit etwas, das uns wirklich viel bedeutet und dann nicht sicher sind, ob wir sicher sind, können Selbstschutzmuster zu Tage treten. Wir stellen uns tot, greifen an oder flüchten. Oft geschah dies schließlich zurecht. Wir tun, als sei uns diese Angelegenheit doch nicht so wichtig, geben uns betont unbeteiligt, wiegen uns sicher in Ironie und Sarkasmus. Damit werden wir Teil einer Atmosphäre, die weitere Unsicherheit kreiert.

Inwieweit ist dies ein Spiegel für die Situation in unserer Gesellschaft?

 

Die westliche, kapitalistische Welt hat den wahren Kontakt zu sich selbst verloren. Die Menschen haben ihre Kinder ausgesperrt. Sie hacken auf allem herum, was noch heilig und rein, weich und zart, unbefleckt kindlich ist. Denn dies sind die verletzlichen Stellen des Individuums und der Gesellschaft, die das System zum Einsturz bringen können. Wo schon Kälte und Härte regieren, hat das Abtöten bereits statt gefunden und das Funktionieren auf Knopfdruck Einzug gehalten.

 

Wir haben die Kinder ausgesperrt, damit der Apparat laufen kann. Kinder verletzen und zerstören sich gar schon gegenseitig. Reine, unschuldige Verletzlichkeit ist keine per se weibliche Eigenschaft, obgleich wir sie auf die Frau projizieren, um den Teil in der kapitalistischen, patriarchalen Gleichung zu erfüllen, der notwendig zur Unterdrückung bereit steht, damit das System weiter funktioniert. Reine, unschuldige Verletzlichkeit ist die Eigenschaft eines Kindes, das noch nie verletzt wurde. Wir können das nicht ertragen. Darum bringen wir die Kinder in uns um. Wir legen den Finger in die Wunden, bis etwas in uns stirbt. "Den Kindern gehört das Himmelreich." Das Himmelreich verwechseln wir dann mit Einkaufszentren und Genusshöhlen und gönnen uns den Kapitalismus, bis das Kind in uns sich frustriert auf dem Ladenboden wälzt und aus Leibeskräften schreit, weil so viel Überfluss vorhanden ist und es in all dem Zeug doch nicht findet, was es von Herzen sucht.

 

Um dann nicht ganz zu vergehen, weil wir mit dem Abtöten unseres verletzlichsten Punktes auch gleichzeitig die Lebensfähigkeit zerstört haben, schalten wir auf Notstrom um. Sarkasmus, Ironie, Maske. Beatmungsgerät. Dabei könnten wir selbstständig atmen, wenn wir unseren Kern zu neuem Leben erweckten und neu schützten und verteidigten, was heilig ist.

Unsere Hilfsmittel, in diesem kalten, selbst geschaffenen System zu überleben, sind nur Überlebensstrategien. Notstrom. Beatmungsgerät. Es ist nicht die wahre Quelle. Es wird uns nicht auf Dauer leben lassen. 

Wir können unser zerstörerisches Verhalten nicht nur im Umgang mit uns selbst und unseren Mitmenschen erkennen, sondern auch mit der Erde, die unser Zuhause ist.

Wir ersetzen die wahre Quelle durch künstliches und beuten sie aus, bis nur noch ein Rinnsal übrig ist. Wir nennen es Fortschritt, dabei zerstören wir unsere Lebensader.

 

Wie können wir das aufhalten? Woher kommt der Mut, woher beziehen wir Kraft, einen Heilungsweg zu gehen?

Wir sind Erwachsene und tragen in uns ein Kind. Dieses Kind ist uns schutzbefohlen. Lass uns unsere Kinder wieder in unsere Mitte holen. Lasst sie uns neu befragen, was sie brauchen, und es ihnen zur Verfügung stellen. Unser Kind weiß, was es benötigt. Es erhält dadurch eine Stimme, dass ihm ein Ohr geschenkt wird. Dies setzt in deinem, unseren System Selbstheilungskräfte frei. Zuhören ist der Schlüssel. Lasst uns unseren Kindern zuhören. Sie kennen den Weg. Sie sind verbunden mit der Urquelle allen Lebens. Sie benötigen unseren Schutz und unsere Fürsorge. Unsere Kinder sind unsere Zukunft. Sie lassen uns wieder selbstständig atmen. 

 

"Lieber kleiner Mensch,

 

du warst nicht sicher, so lange Zeit. Man hat sich aus dir einen Spaß gemacht und dich auflaufen lassen. Du fürchtest, dich zum Gespött zu machen, wenn du dein Herz öffnest. Darum verlierst du zeitweise den Zugang zu deinen Gefühlen, sie machen dich verletzlich. Das ist so verständlich.

 

Ich möchte dir sagen: Nun bist du in Sicherheit. Ich liebe dich über alles, mit Haut und Haar, ich bewahre und beschütze dich, ich sorge für dich, ich gebe auf dein Herz acht. Niemand darf dir mehr etwas antun.

Es tut mir so leid, dass du diesem schrecklichen seelischen Missbrauch, diesen Stichen in dein kleines Herz immer wieder erleben musstest. Deine Schönheit, deine Würde wurden mit Füßen getreten und deine Gefühle verlacht. Du warst schutzlos ausgeliefert. Es ist nicht in Ordnung, dass dir das widerfahren ist! Ich sage Nein. Das war nicht richtig!

Es ist nicht richtig, Menschen derart weh zu tun. Es ist nicht akzeptabel, dass in Schulen und an Arbeitsplätzen solche eine Atmosphäre herrscht. Ironie, Sarkasmus, Lächeln, wo man eigentlich gar nichts zu lächeln hat. Diese Atmosphäre ist weit entfernt von unserem Ursprung, unserer Bestimmung. Wir wollen echt sein. Seht her, denken wir, wie wundervoll ich bin! Ich bin schön! Ich bin lieblich! Ich bin wundervoll!

 

Du bist wundervoll, kleiner Mensch. So, so wundervoll. Du bist überwältigend! Rein, lieblich, frei, stark, zart. Du bist richtig. Ich beschütze und bewahre dich. Ich werde meinen Mund öffnen und dich verteidigen. Ich stelle mich vor dich und gebiete Einhalt, wo eine Atmosphäre des Niedermachens herrscht."

 

So oder ähnlich können wir beginnen, unserem kleinen inneren Kind eine Basis der Sicherheit zu bieten, auf der es sich wieder neu zeigen und unter dem Tisch hervor kommen kann.

Die Wahrheit ist nämlich: Wir möchten das. Wir sehnen uns nach Kontakt mit uns selbst und anderen, nach einer Welt, in der wir nicht sagen müssen "was die Person da an Selbstoffenbarung gezeigt hat, war mir doch ein bisschen zu sehr Seelenstriptease."

Eine Welt, in der Verletzlichkeit gezeigt und angenommen wird, in der Empathie und Verständnis wieder ein untrennbarer Aspekt des gemeinsamen Zusammenlebens ist, schafft Raum für Heilung. Der wahre Energiefresser ist die ständige Bemühung um das Verstecken unseres verletzlichen Kerns. Verstellen und übertünchen, perfektionieren und weg radieren, all das sind Handlungen, die unsere ganze Aufmerksamkeit erfordern. Sie ziehen die Energie ab vom schöpferischen Prozess, von der Bereitschaft, sich dem Gegenüber zu öffnen und in die Verbindung zu gehen. Nicht umsonst kann es oft unfassbar anstrengend sein, einen neuen Kontakt zu unbekannten Menschen aufzubauen. Wir sind so damit beschäftigt, zu überlegen, was wir zeigen können und was nicht, um nicht verletzt und abgelehnt zu werden. Wir zeigen als zuerst das, was für unsere Gesellschaft als vorzeigbar gilt. Der echte Kontakt kommt jedoch dann zustande, wenn dem Kind ein Ohr geschenkt wird. Dem eigenen, und dem des Gegenübers. 

 

Fürchte die Entzauberung, die stattfinden kann, wenn du den wahren, verletzlichen Kern eines Menschen zu spüren bekommst. Fürchte sie, oder lerne, das unendlich schöne Wunder darin zu sehen, dass ihr euch gerade in eurem echten Kern begegnet. Die Hülle mag anziehend und schön wirken, doch das wahre Wunder liegt darin, dass ein Kind einem anderen seinen Namen nennt und sie ab diesem Moment FreundInnen sind.