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Weltrettung und meine Ambition

 

Kennst du das...

diese Aggression, die in dir aufsteigt, wenn du auf-den-Punk-detaillierte Informationen über schreckliche Zustände in dieser Welt erhältst?

Ich kenne das von mir- dieser latente Ärger über Personen oder Organisationen, die Artikel schreiben und Informationen posten. Bilder und Aufnahmen leidender Kinder, gequälter Tiere, Spendenaufrufe. Etwas in mir fühlt sich manipuliert und neigt neurotisch dazu, die Informationen zu relativieren und den Informationsgebenden unlautere Motive zu unterstellen.

Ich frage mich, woher das kommt. Ich meine... das Schlechte, das Böse gibt es in dieser Welt, ohne Zweifel, es lässt sich nicht negieren. Wohl aber lässt es sich ignorieren. Warum ignorieren wir so hartnäckig, was schief läuft, sind wütend auf die Miesmacher*innen, die uns offenbar nicht gönnen, ein Leben in Ruhe und Frieden ohne Ausschreitungen und in sicheren Sphären ohne Alpträume und Gewissensbisse zu leben?

 

Ich bin bei mir selbst auf die Suche nach den Ursachen dieses Verhaltens gegangen, und habe sogar einen Teil der Quellen dieser Ursachen gefunden, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Ich empfinde, dass die Erforschung der eigenen Person, die uns nunmal selbst am Nächsten ist, sich anfühlt, als sei man auf Schatzsuche. Es geht nicht darum, dass ich meine schlechten Seiten herauskehre, sie als solche benenne und mich dann in Selbstmitleid bade, im Gegenteil. Ich möchte herausfinden, woher meine Muster kommen, um mich in meiner Ganzheit annehmen und lieben zu können und dann destruktive Verhaltensweisen aufzulösen.

 

 

 

Die Scheu vor Verantwortung

 

Ja, ich empfinde es als äusserst unbequem, Verantwortung für das Leid in dieser Welt zu übernehmen. Allein mein eigener Anteil daran ist nicht zu verleugnen, und doch tue ich genau das oft genug.

Ich ging jahrelang nicht zu Wahl. Ich verhielt mich wie ein kleines Kind. Links und rechts einen Finger in die Ohren gesteckt, getan, als ginge mich das alles nicht an. Ich konsumierte, ohne auch nur einen einzigen Gedanken darüber zu verschwenden, woher all das Zeug kommt, und ob es gut für mich und die Umwelt ist. Ich sah grauenvolle Bilder leidender Menschen, doch unter der Entschuldigung, es ginge mir zu nahe, schob ich sie beiseite und kümmerte mich nicht weiter darum. Schließlich ist Weltschmerz auch nicht unbedingt gesund, sagte ich mir, und guter Schlaf ist wichtig.

Meine Ausredenschublade war prall gefüllt. Nächstes Jahr kümmere ich mich darum, was kann ein Mensch schon tun, was habe ich zu tun mit der Situation in „Afrika“, was kann ich schon dafür, dass ich in einer freien Welt geboren wurde, soll ich jetzt nur noch heulen, nur weil andere leiden, die Schutzorganisationen wollen mir nur das Geld aus der Tasche ziehen, ich brauche mein Geld für mich alleine, ich habe selbst nicht so viel, ich muss mich um so viel kümmern, bio und vegan ist nur ein Trend....... die Liste kann bis ins Endlose weiter geführt werden.

 

Das Leid ist weit weg. Weit genug, um Verantwortung zu scheuen. Würde ein Plastikstrom direkt in mein Haus laufen oder ich die ersten großen Plastikstücke im Fisch auf meinem Teller mit eigenen Augen sehen, müsste ich mein Rind selbst schlachten, führe ich nach „Afrika“ und würde hungernde Menschen individuell und persönlich kennen lernen, spräche ich mit einem Menschen, der mein H&M-Shirt für einen Hungerlohn genäht hat, sähe ich Tiere und Menschen aufgrund von Rodungen sterben, stünde ich mitten auf dem Schlachtfeld, wo Krieg geführt wird mit Waffen, die von meinen Steuergeldern bezahlt werden, entschieden von den Politiker*innen, für die ich bei der Wahl mein Kreuzchen gemacht habe...

 

ich weiß nicht, was nötig ist, damit wir uns der Verantwortung stellen. Es wird bei jedem Menschen unterschiedlich viel „Druck“ oder „Tatsachenansicht“ nötig sein. Aber wollen wir wirklich so sein, dass wir uns erst stellen, wenn uns kein Ausweg mehr bleibt? Oder wollen wir die Verantwortung übernehmen und handeln, wenn noch viel Platz und viel Horizont vor uns sind, wenn wir unsere Energie noch nicht in den Fluchtweg vor der Realität gepulvert haben?

 

Bei mir persönlich war folgendes nötig: Eine persönliche, individuelle Lebenskrise, deren Schmerz mich den Schmerz spüren ließ, der in dieser Welt allgegenwärtig ist. Ich erlebte dieses laute, bodenlose Gefühl von Trennung durch und durch und sah es auf einmal in jedem Bereich meines Lebens und damit auch in meiner Umwelt. Ich suchte jeden Winkel meines Lebens ab nach Situationen und meinen Mustern und Haltungen, in denen ich aktiv das Getrenntsein vom Leben ausdrückte, und wo ich Verantwortung scheute. Der Schmerz darüber wurde bald größer als der Impuls zur Flucht vor Verantwortung. Warum? Weil ich plötzlich die Ohnmacht spürte. Die Ohnmacht von Tatsachen, die mich schlichtweg maßlos überforderten. Aus der Psychologie weiß ich, dass wir auf Überforderung mit drei unterschiedlichen Abwehrstrategien reagieren: Angriff, Flucht oder tot stellen. Angriff, das mag ein aggressives „Wehe du nimmst mir mein Fleisch weg, ich brauch das, ich will das, und es ist mir scheiss egal, was du da von wertvollem Leben laberst, es schmeckt“ sein. Flucht mag sein, dass man konsequent jegliche Informationen und Bilder vermeidet, die einen daran erinnern, was da draussen los ist, und dass man die Werbebilder und Plakate von glücklichen Menschen und Tieren und atemberaubender Natur in beliebten Urlaubsgebieten für bare Münze nimmt. Tot stellen kann sich darin ausdrücken, dass man einen unerträglichen Weltschmerz spürt und zulässt, dass all das Leid einen derart niederdrückt, dass man in eine depressive Passivität gerät und sich somit handlungsunfähig und ohnmächtig in die schrecklichen Zustände ergibt.

Ich fühlte mich ohnmächtig, und dabei ziemlich gut, eine Zeit lang. Ich hatte den Eindruck, als sei ich besonders hingebungsvoll und leidensbereit, was übrigens auch einige Religionen sehr loben. Ich beruhigte mein Gewissen damit, dass ich Mitgefühl zeigte und dadurch mein Konsumleben nicht mehr allzu sehr genießen konnte. Dabei fühlte ich mich auch fast, als sei ich ein besserer Mensch als die anderen. Ja, Ohnmacht kann einen sich ganz schön mächtig fühlen lassen und ist ein tückischer Krückstock.

 

Meine Lebenskrise machte mich auf eben diese Muster aufmerksam und so beschloss ich irgendwann, damit Schluss zu machen. Es fühlte sich widerlich an, mich in eines dieser alten, auf Verletzung basierenden Muster zu flüchten obwohl ich spürte, dass ich es mittlerweile besser wusste und auch stark genug sein würde, mein Verhalten zu ändern.

Doch es gab noch eine Zwischenphase, womit wir zur nächsten Ursache kommen, die mich davon abhielt, die Ablehnung gegenüber dem Schmerz über das Leid in dieser Welt zuzulassen und daraufhin zu handeln:

 

 

 

Bequemlichkeit.

Ich hatte eine Zeit lang versucht, vegan zu leben, Geld zu spenden, Artikel zu schreiben, zu reden, zu teilen, mich zu engagieren.

Doch irgendwann wurde mir das alles einfach zu anstrengend. Es ist aber auch zu leicht, einfach bei H&M einzukaufen, wenn man sicher ist, dort etwas zu finden, das einem steht, und heute ist ein stressiger Tag, ach komm, nur einmal. Es ist wie mit einer Sucht: Einmal ist nicht keinmal. Einmal, und du tust es direkt wieder regelmäßig.

Ich wollte auch nicht zu hart mit mir sein, und bald ertappte ich mich bei der Erkenntnis, dass ich dieses „sei nicht zu hart mit dir selbst“, was eigentlich ein schöner Ansatz ist, missbrauchte, um mich meiner Verantwortung aus Bequemlichkeit nicht zu stellen.

 

Es war leichter, in der Geschäftigkeit des Alltags wieder zu dem zurück zu kehren, womit ich begonnen hatte: Dem unreflektierten Verhalten des Anfangs. Ich gab wieder den Umweltschutzorganisationen die Schuld und all den Menschen, die meine Timeline fluteten mit schrecklichen Bildern und Texten und ach... immer muss nur alles schrecklich sein. Haben die etwa eine Sucht nach schlechten Nachrichten?

 

 

Nun ja... diesen Hang mag es bei vielen Menschen geben. Fakt ist aber auch:

Die schlechten Nachrichten sind real.

Nun kann ich entscheiden, wie ich damit umgehe.

Es gibt noch einen weiteren Weg ausser Angriff, Flucht oder tot stellen.

Es gibt den der Selbstliebe, der im Nachgang zur Liebe im Aussen führt.

 

Richtig. Bei mir kam die Wende, als ich verstand, dass ich zuerst ins Innere gehen muss.

 

Ich muss meinen eigenen Schmerz akzeptieren, respektieren, annehmen und heilen, bevor ich den Schmerz im Aussen überhaupt von einer gesunden Basis her anschauen kann.

Es ist nicht ohne Grund, dass ich nach kurzer Zeit der verbissenen Versuche („ja, ich tue einfach das Richtige, weil ich weiß, dass es richtig ist – auch wenn ich keine Lust dazu habe“) wieder aufgegeben habe. Es ist nicht möglich, lange durchzuhalten an dem Projekt Weltrettung, wenn ich nicht zuerst vorher mich selbst gerettet habe.

 

Woher soll all die Liebe kommen, woher die Energie und die Kraft, mich mit den Dingen auseinander zu setzen, wenn meine eigene Seele auf einem sinkenden Schiff mit schwimmt?

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Diesen Satz aus der christlichen Religion habe ich mir behalten – mit Fokus auf „wie dich selbst“. Ich muss mich zuerst selbst lieben können. Mein Anker sein, mein Zuhause, mein Punkt, um den sich alles dreht.

Das ist nicht narzisstisch, mitnichten. Ich gebe mir, was ich brauche. Damit höre ich erstens auf, mich mit Dingen volllaufen zu lassen, die mir nicht gut tun – aus Respekt meinem Körper und meiner Seele gegenüber – ausserdem möchte ich, dass es auch meiner Umwelt gut geht, denn ich lebe in ihr und mit mir die Menschen, die ich liebe. Und Lebewesen, denen ich noch nie in die Augen gesehen habe – wir um Himmels Willen komme ich dann dazu, sie für mich arbeiten zu lassen für einen Hungerlohn?

 

 

So entwickelt sich mit Geduld, Selbstannahme und Verständnis langsam, aber sicher ein neuer Welt in die liebevolle Nachhaltigkeit in jedem Bereich meines Lebens.

Und es geht nicht darum, vom einen auf den anderen Tag alles sofort zu ändern. Es geht nicht um Zwang. Es geht um Verantwortung. Und die übernimmt man am besten auf lange Sicht in aller Ruhe, in Ehrlichkeit vor sich selbst und anderen.