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Handy, Facebook, Instagram & Co. - was sie, geben, was sie nehmen

Ich gebe zu - ich liebe mein Handy. Keinen Gegenstand habe ich so oft in der Hand, wie dieses Teil. Dieses tonnenschwere Detail hasse ich und schäme mich dafür. 

Doch ich habe mich daran gemacht, diese Hass-Liebe ein wenig näher zu betrachten, und die Scham beiseite zu legen.

 

Was gibt mir dieses schwarze, schmale Ding? Warum nehme ich es überall hin mit, kehre wieder um, wenn ich es vergessen habe, schaue unzählige Male am Tag darauf - und vor allem, zu welchen besonderen Zeiten habe ich es dann doch plötzlich vergessen?

 

Was mein Handy zu etwas besonderem für mich macht, ist nicht das Ding an sich. Es ist das, was es möglich macht. 

 

1. Meine Sehnsucht nach freiem, kreativem Spiel. 

Es ist bunt, es ist aufregend, ich kann es einrichten wie ich mag und verändern. Ich kann es personalisieren und mich darauf austoben. Es ist wie diese Website - ein Spielplatz für mich. Mein Handy, so wie ich die Inhalte gestaltet habe, ist nur für mich nachzuvollziehen und trägt eine Menge meiner Vorlieben mit sich herum. Wenn ich eine Idee habe, trage ich sie dort ein. Mein Kalender ordnet und organisiert mein Leben. Es gibt so viel zu basteln, zu schaffen, darzustellen. Niemand sagt mir, wie ich die Inhalte meines Handys gestalten soll. Ich bin frei. 

 

2. Kontakt und Verbindung

Facebook, Whatsapp und Instagram geben mir das Gefühl, am Geschehen teilzuhaben und mit meiner Aussenwelt verbunden zu sein. Ich werde gesehen, wahrgenommen und erhalte direkte Reaktionen auf meine virtuellen Bewegungen. Mein Bedürfnis nach Anerkennung und Verbundenheit wird befriedigt. Zumindest soweit, dass ich gut damit leben kann.

 

3. Abstand

Ich kann in Kontakt sein und trotzdem für mich. Ich habe genug Abstand zu meiner Aussenwelt und auch in den Beziehungen, die ich über mein Handy pflege. Niemand kann mir zu nah kommen. Ergo kann ich auch weniger schnell und intensiv verletzt werden. Also bietet mein Handy mir Schutz.

 

 

 

Zusammenfassend kann ich sagen, dass mein Handy meine emotionalen Grundbedürfnisse befriedigt. Es bietet mir kreatives Spiel, Verbindung und Schutz. Diese Elemente brauche ich, um emotional gesund zu sein.

Es ist eine erschreckende Erkenntnis, dass mein Handy als Zwischenschaltung diese Dinge in meinem Leben managet. Ich verstehe nun, warum mir dabei ein wenig unwohl ist. Ich ahne,  damit stimmt einfach etwas nicht. Mein Handy verlangt nämlich einen Preis, und zwar in exakt den Bereichen, in denen es mir vor macht, mich zu bereichern:

 

1. Körperliches Spiel

Ich sitze, liege oder laufe stur gerade aus, während ich meinem Drang zum kreativen Spiel nach komme. Ich tippe und wische, schalte und... tippe.

Auf dem Bildschirm geschieht eine Menge, doch eigentlich bewege ich nur mein Gehirn und meine Finger. Das ist alles. Was geschieht mit dem Rest meines Körpers? Kann ich ihn noch spüren? Was sagt mein Bauchgefühl? Wo sind meine Beine? Wie fühlt mein Nacken sich an? Hat er Schmerzen? Wohin wandert der Bewegungsdrang? Habe ich ihn am Ende in mich hineingesogen, um ihn nicht mehr zu spüren? Renne ich allenfalls zweimal die Woche ins Fitnessstudio? Wo sind die ausladenden, weitreichenden Bewegungen meines Körpers? Wann habe ich zum letzten Mal einen wirklich riesigen Schritt gemacht, oder meinen ganzen Körper nach oben gen Himmel gestreckt? Wann habe ich gesteckt, geschachtelt, gemalt, wann bin ich gehüpft, geswitched, gelaufen von einem Punkt zum anderen, wann habe ich ein echtes Fenster geöffnet und bewusst tief eingeatmet, anstatt in jedem Fenster nur tu tippen und zu schauen, ergo nur meine Augen und meine Finger zu bewegen? 

Was ich eigentlich möchte, ist das körperliche Spiel. Mit dem Handy lasse ich zu, dass das Leben sich zwischen meinen Ohren abspielt, anstatt von Kopf bis Fuß.

 

 

2. Unmittelbarkeit.

Das Leben geschieht in den Momenten, in denen ich los lasse und mich seinem Fluss hingebe. Es entsteht eine Unmittelbarkeit, Reaktionen in Echtzeit, eine direkte Verbindung zum Aussen. Was ich brauche, ist Kontakt zum Leben. Das Handy schaltet sich dazwischen. Es steht zwischen mir und der Person, mit der ich in Kontakt bin. Ja, es scheint eine Brücke zu sein, wenn wir uns nicht sehen können, doch es lässt mich auch bequem werden in meiner erfinderischen Ader, wenn es darum geht eine Lösung zu finden, wie wir uns eben öfter sehen können. Es ist verführerisch, einfach zu Hause zu bleiben, mich nicht zu rühren und gleichzeitig im Gespräch zu sein. Doch da liegt ein tieferes Bedürfnis, das nach unmittelbarer Begegnung, dem auf diesem Wege nicht entsprochen wird. Etwas bleibt an der Oberfläche. Die Dichte des Lebens wird verwässert, der Kick raus genommen.

Was geschieht? Weil diese Begegnung mit dem geliebten Menschen nicht erfüllend war, brauche ich mehr davon. Ich werde wahlloser und hänge somit umso mehr am Handy. Quantität statt Qualität. 

 

3. Verletzlichkeit

Eigentlich möchte ich in meinen Beziehungen das Risiko eingehen, verletzt zu werden. Ich möchte nicht, dass man mir weh tut, doch ich möchte die Offenheit. Das Gefühl, mich seelisch nackt machen zu können. Auf dieses Angebot kann auch statt dem Schmerz eine Reaktion vom Gegenüber erfolgen, die mich zutiefst beglückt. Wo die größte Verletzung stattfinden kann, liegt auf der anderen Seite der Münze der größte Schatz verborgen. Annahme in Momenten tiefster Verletzlichkeit lässt mich im Ozean der Liebe versinken.

Mein Handy schirmt mich ab. Eine verletzende SMS ist nicht halb so schlimm, wie ein verletzendes Wort von Angesicht zu Angesicht. Möchte ich das wirklich? Denn auch eine liebevolle SMS ist nicht halb so tief gehend wie ein liebevolles Wort von Angesicht zu Angesicht. 

 

 

 

Ich habe mich dafür entschieden, von meinem Verhalten meinem Handy gegenüber zu lernen. Meine Bedürfnisse sind angebracht und menschlich. Ich verstehe, warum mein Handy so wichtig für mich ist. Doch ich werde den Preis nicht länger bezahlen. Mir ist es die Bequemlichkeit und den Schutz nicht wert, den echten Kern meiner Bedürfnisse in der "Handyzeit" nicht erfüllt zu wissen. Ich möchte ein Leben führen, welches direkt greifbar ist, mehr noch, in dessen Strom ich schwimme von Kopf bis Fuß!

Also wird mein Handy den Platz einnehmen, der ihm gebührt. Das Gerät dient mir, doch um meine emotionalen Grundbedürfnisse kümmere ich mich dann doch lieber direkt, selbst und unmittelbar. 

Danke, Technik, für alle Möglichkeiten, die du mir bietest! Du hast sicher deinen Platz in meinem Leben.

Das ist eben der Punkt: Einen Platz. Du bist nicht mein Leben. 

 

Und ich wundere mich, wie groß eigentlich meine Selbstwirksamkeit und mein Erfindungsreichtum sind, wenn es darum geht, das Leben wieder voll und ganz zu schmecken und Verbindung, Schutz und Spiel direkt zu erleben.

 

 

Viel Spaß und - wir sehen uns! :-)