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Eine offene Geschichte

Eine offene Geschichte
Wie wäre es, wenn eine Geschichte entstünde auf der Basis eines Anfangs, oder Mittelteils, oder eines Endes? Folgender Abschnitt kann alles sein, und darf eingebettet werden in dem, was während des Lesens in eurer Fantasie entsteht. Und wenn ihr mögt, schreibt es auf und teilt es mit uns. Habt einen schönen Abend.
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Was Yasemin von ihrem Leben will?
Staunen.
Ständig Staunen, nichts mehr, nichts weniger.
Darum reist Yasemin von einer Attraktion zur nächsten, manchmal ist es ein Mülleimer, in dem sie den Rest eines besonders lecker belegten Brötchens findet. Anderntags ist es die Ameisenstrasse vorn an der rotbraun-sandigen Ecke der Dorfstrasse, die auf der anderen Seite des Zauns hinaus in die Weite führt.
Die Ameisen wissen, wohin. Das fasziniert Yasemin. Sie weiß nicht, wohin. Warum das so ist, weiß sie auch nicht. Darüber macht sie sich keine Gedanken. Sich zu viele Gedanken zu machen führt zu nichts, oder in brenzlige Situationen, das merkt sie jedes Mal, wenn sie wieder den Versuch wagt, ihrer dicken Tante Tami doch Fragen zu stellen... wie lang sind wir noch hier, wann geht es weiter, warum kann ich nicht mehr unter dem Baum in unserem Garten sitzen, wo ist Mama. Bei diesen Fragen kommt immer etwas auf sie zugeflogen; ein dreckiger Schuh, ein böser Blick, ein zischendes Wort. Tante Tami kann nicht mehr antworten, sie kann nur noch wütend sein.
Deswegen unterlässt Yasemin das Fragen stellen und beobachtet stattdessen weiter die emsigen Ameisen.
Yasemin sucht überall nach dem Staunen. Es ist am Boden zu finden, es liegt hinter dem maschigen Drahtzaun, an dem drohend in schmutzigem Rot das Schild mit dem Wort STOP prankt, am dunklen Boden einer Pfütze (eine Münze hat sie da vor drei Tagen gefunden, die leuchtet mit jedem Male putzen etwas mehr). Und gerade eben, gerade eben hat Yasemin entdeckt, dass das Staunen auch am Himmel zu finden ist.
Am Rande der staubigen Strasse steht eine holzig morsche Bank. In gelbrosanem Spätnachmittagslicht weht ein lauer Wind. Yasemin ist auf dem Heimweg, stellt sie sich vor. Barfuss läuft sie entlang des Weges auf dem karg-grünen Seitenstreifen, der Sand ist noch warm. Die Bank lädt Yasemin ein, sich auszuruhen. Sie nimmt an. Setzt sich, lehnt sich an die wackelige Rückwand. Die kalten Steinwände der kleinen, halb eingefallenen Häuser auf der gegenüberliegenden Strassenseite erscheinen im mütterlichen Sonnenlicht auf einmal wie beschützende, lebendige große Brüder.
Die Luft flattert von Flügelschlägen. Yasemin blickt in das reine, tiefe himmlische blau und entdeckt einen Schwalbenschwarm. Sie zwitschern und rufen, Yasemin scheint, sie tanzen einen Reigen in einem Ballsaal ohne Grenzen. Sie legt den Kopf in den Nacken und ihre Hände über die Augen, um nicht geblendet zu werden. Am unteren Rande ihres Blickfeldes verschwinden die Spitzen der Dächer, sie schaut jetzt wie durch eine Luke in den offenen Himmel.
Die Schwalben drehen Kreise über Yasemins Kopf. Sie werden schneller, der Gedankenstrom in ihrem Kopf langsamer. Das blau kommt näher, die Vogelstimmen auch. Yasemin hebt von ihrer Bank ab. Das Kreisen und Singen der kleinen Vögel wandert hinter ihre Stirn, ein Lied entsteht dort, sie hört die Melodie. Kinderstimmen, die singen. Sie hat es vermisst, ihre Sprache zu hören. Die Melodie trägt sie immer weiter empor, Yasemin schwebt zwischen den Schwalben am Himmel.
Blau. Helles, tiefes, kühlendes blau und kleine, bewegliche Formen, sie ist eine davon. Immer kleiner, so glaubt sie nun, werden unter ihr Tante Tami und die Bank am Wegesrand, die Ameisenstrasse und der Zaun. Der Zaun ist weg, und der Himmel sieht genau so aus, wie der Himmel zuhause. So einfach kann man plötzlich der Heimat nah sein, und lange schon nicht mehr hat Yasemin so gestaunt, wie in diesem Moment.
Im Nebel von weit dringt ein Geräusch an ihr Ohr. Yasemin dreht sich und dreht sich, ein Sog zieht sie unaufhaltsam nach unten, mit einem Moment spürt sie die harte Banklehne an ihrem Rücken, wendet den Blick nach vorn, die Wände der Häuser sind erkaltet, Tante Tamis Stimme dringt aus einer der offenen Türen. Kein Zischen, kein zorniges Schreien, ein laut wimmerndes Weinen hallt durch die menschenleere Strasse. Yasemin erschrickt, alt bekannte Gedanken und Bilder rasen wieder in ihrem Kopf, sie springt auf und läuft so schnell ihre nackten Füsse sie tragen die paar Meter die Strasse hinunter, atemlos steht sie dann in der offenen Tür, Tante Tami liegt inmitten des kleinen Raumes bäuchlings auf dem steinigen Boden, mit weit geöffnetem, zitterndem Mund, krampfende Hände halten ein dreckiges Blatt Papier mit einem verwischten Poststempel, Yasemin stellt keine Fragen.